17.09.2013 / Geschichtsvortrag am 20. September 2013 : "Der Partylöwe, der nur Bücher fraß"

Aus seiner Feder stammt eines der erfolgreichsten Geschichtswerke des 20. Jahrhunderts, die »Kulturgeschichte der Neuzeit«: Egon Friedell. Im Jahr 1925 erschienen, wird dieses Standardwerk noch heute viel gekauft und gerne gelesen. Doch wer war Egon Friedell? Dieser Frage wird Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel in seinem Vortrag am kommenden Freitag, den 20. September um 19 Uhr im Zevener Königin-Christinen-Haus nachgehen.


Egon Friedell war Philosoph, Geschichtsschreiber, Schriftsteller, Dramatiker, Kritiker, Journalist, Schauspieler, Kabarettist, Übersetzer, Bonvivant und er selbst hätte sich wohl einen Dichter genannt – Dichter seines eigenen Lebens«. Die Schriftstellerin Hilde Spiel sah in ihm »ein letztes Mal die berauschende Fiktion vom universalen Menschen«. In der Spannweite der beschreibenden Begriffe spiegelt sich für den Betrachter zugleich die Spannbreite des Wirkens und Nachwirkens einer Persönlichkeit, die in unserer Gegenwart zumeist – wenn überhaupt – mit der »Kulturgeschichte der Neuzeit« verbunden wird.
Egon Friedell wurde am 21. Januar 1878, vor 135 Jahren, in Wien geboren. Früh hatte die Mutter die Familie verlassen, die Ehe der Eltern wurde geschieden und nach dem Tod des Vaters 1889 muß der Elfjährige zur Tante nach Frankfurt. Ein abenteuerliches Schulwanderleben bestimmte daraufhin Kindheit und Jugendzeit Friedells. 1897 konvertierte der Student vom jüdischen Glauben zum Augsburger Bekenntnis und in Wien, wohin er wieder zurückgekehrt war, schloß er sich dem Literatenkreis um Peter Altenburg im Café Central an. Seine ersten Theaterkritiken belegten bereits seine schriftstellerische Begabung und eröffneten Friedell den Weg zum Theater und zur Schriftstellerei. Unglaublich die Lektüreleistung des »Der Partylöwen, der nur Bücher fraß«!
Egon Friedell äußerte sich als Kabarettist, Schauspieler, Kritiker, Dramatiker, Historiker, Essayist und Philosoph und wurde zu einer »vielgesichtig schillernden Gestalt aus dem Wien zwischen dem Fin de siècle und dem Untergang Österreichs 1938«. Fast unüberschaubar sind seine Werke, von denen sein »Altenbergbuch« und die »Kulturgeschichte der Neuzeit« die größte Wirkungskraft und Nachwirkung erlebten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden seine Bücher in Deutschland verboten: galt Friedell doch als erklärter Gegner des Nationalsozialismus und er weigerte sich bis zuletzt, dem inhumanen Terror der Nazis in seinem Land zu weichen. »Daß die Dinge geschehen, ist nichts, daß sie gewußt werden, ist alles«, war eine seiner vielen Maximen und er wußte, was folgen würde, als am 16. März 1938 zwei SA-Männer an seiner Wohnungstür stehen und die Frage stellten: »Wohnt da der Jud Friedell?«. Friedell sprang aus seinem Schlafzimmerfenster in den Tod.
Den Spuren dieses vielseitigen Genies, dessen »Leben als Kunstwerk« gestaltet war, der auch »österreichischer Shaw« oder »Wiener Voltaire« genannt wurde sowie einer der feinsten Stilisten und Historiker seiner Zeit mit genialer Fähigkeit zur virtuosen Selbstinszenierung war, soll in dem Vortrag im Königin-Christinen-Haus informativ, unterhaltsam und lehrreich nachgegangen werden. Die Reihe der Zevener Geschichtsvorträgewird von vhs und Museum Kloster Zeven in Kooperation mit dem Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte an der TU Braunschweig veranstaltet.



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